Wir Segler
Wir sind eine stolze Nation von Seglern, uns liegt das Segeln im Blut, und so war es Brauch, dass wir, wenn wir in das rechte Alter kamen, das erste Mal auf ein Segelboot stiegen und los segelten.
Als unsere erste Reise begann, war das Wetter noch gut. Wir verließen den Mutterhafen und segelten auf das offene Meer hinaus. Als wir kein Land mehr sehen konnten, begann es plötzlich zu stürmen. Wir kannten keinen Sturm, niemand hatte uns darauf vorbereitet. Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Unsere Instinkte leiteten uns an, die Segel zu lichten, sodass sie nicht rissen oder der Mast zerbrach. Wir gingen unter Deck, suchten Schutz und waren gestrandet im Meer. Das Schiff wurde hin- und hergeworfen von immer größer werdenden Wellen, und uns war ganz bange.
Kindisch, wie wir noch waren, wünschten wir uns den Wind weg. Und so, wie das mit kindischen Wünschen ist, sie werden erfüllt. Der Sturm hörte auf, der Wind gab nach, nicht einmal ein kleines Säuseln blieb. Und es war wieder still. So ging es lange. Wir sahen das Land nicht. Doch die Sonne schien, und wir freuten uns. Das Schiff stand still, ganz still. Wir bewegten uns nicht, obwohl wir die Segel schon wieder gehisst hatten.
Als wir das erste Säuseln des Windes hörten, bekamen wir es wieder mit der Angst zu tun, doch schnell beruhigten wir uns, dass wir es uns nur eingebildet hätten. Und es war wieder still. Doch dann säuselte es wieder, man sah, wie sich das Segel bewegte. Abermals wünschten wir den Wind weg. Wieder erfolgreich. Flaute. Wir wurden langsam einsam, solange getrennt vom Mutterhafen. Doch ohne Wind konnten wir nicht segeln.
Bei jeder Brise wünschten wir gleich den Wind weg. So standen wir still. Es dauerte lange, lange, bis wir es aushielten, dass ein seichter Rückenwind uns langsam nach vorne trieb. Doch wenn wir zu schnell wurden, wurden wir wieder ängstlich und wünschten den Wind weg – und er verschwand. Gegenwind war uns vollends schrecklich, und wir wünschten ihn jedes Mal direkt weg, sodass auch er verschwand.
So war unser Leben eine Flaute, weil wir vergessen haben zu segeln, als wir zu lange im Sturm waren.
Wir wissen von der Möglichkeit, gegen den Wind zu segeln, doch wir können nicht segeln. Die Angst vor dem Sturm ist zu groß. Nur die Flaute ist sicher.